Meine Woche in der Schülerjury des
Filmfestival Max Ophüls Preis
15 mal den VIP-Pass am Eingang vorzeigen und sich an der Menge vorbeidrängeln, 15 mal auf den besten Plätzen sitzen, 15 mal den gleichen Vorspann anschauen, 15 mal Vorfreude und steigende Spannung, wenn der Vorhang aufgeht. In vier Tagen 15 Kurz- und 15 Langfilme ansehen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Traurige, lustige, spannende, verwirrende und abschreckende Filme. Tagsüber neben dem A
nschauen die Langfilme diskutieren und auswerten. Danach den Abend ausklingen lassen, interessante und unterhaltsame Gespräche mit Filmschaffenden führen und neue Leute kennen lernen. Letzten Endes und schweren Herzens einen der Filme aussuchen, auf die Bühne gehen und den Sieger verkünden.
Max Ophüls wurde 1902 unter dem Namen Max Oppenheimer in Saa r brücken geboren. Nachdem er sich zunächst als Schauspieler versuchte, entwickelte er sich später zu einem genialen Theater- und Filmregisseur. Während des zwe iten Weltkriegs wanderte Ophüls, da er Jude war, zuerst nach Frankreich, später in die USA aus, wo er seine Karriere weiter verfolgte. Das Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken würdigt den 1957 verstorbenen Regisseur jedes Jahr mit dem größten Nachwuchs-Filmfestivals Deutschlands. Ziel ist die Förderung deutschsprachiger Nachwuchsregisseure und -darsteller in den Bereichen Kurz-, Lang- und Dokumentarfilmen. Doch dies soll nicht nur durch die Preisgelder von bis zu 18.000 Euro geschehen, sondern vor allem durch die Schaffung eines Forums, in dem die jungen Leute wichtige Kontakte knüpfen können.
Auch ich hatte dieses Mal vom 18.01.-23.01.10 die Möglichkeit „Festivalluft zu schnuppern“ und Leute der Filmbranche kennen zu lernen. Denn ich war Mitglied der deutsch-französischen Schülerjury, die einen der Langfilme mit einem Preis geld von 2.500 Euro prämieren darf, welches von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Landeszentrale für politische Bildung Saarland gesponsert wird.Ich und die fünf anderen Jugendlichen aus Saarbrücken wurden durch schriftliche Bewerbungen und Vorstellungsgespräche ausgesucht, um dann die se ehrenvolle Aufgabe bewältigen zu dürfen.Die Woche begann für uns Montag Abend mit der feierlichen Eröffnung des Festivals im CineStar Saarbrücken. Nach kurzen Reden verschiedener saarlä ndischer Politiker und denSponsoren des Festivals, sahen wir uns den Film „Giulias Verschwinden“ an, der nicht am Wettbewerb teilnahm und am 4. Februar in den deutschen Kinos anlief. Darauf folgten Gespräche mit dem Regisseur und einigen Schauspielern auf der Bühne und ein ausklingender Sektempfang in der Eingangshalle.
Unsere Arbeit als Schülerjury fing erst am nächsten Morgen an. Dieser be gann für mich schon sehr unterhaltsam, da ich mich beim Kaffeetrinken mit einer netten Frau unterhielt, die sich später als eine der Hauptdarstel lerinnen des Films „Suicide Club“ herausstellte. Es dauerte nicht lange, bis ich mich an solche Begegnungen in dieser Woche gewöhnt hatte.
Dann wurde es ernst: vier Langfilme mit je einem Kurzfilm davor standen für heute auf unserem Programm und nach jedem Film folgte ein kurzes Gespräch des Moderators mit den Filmemachern. Zwischen den Vorstellungen gab es kleine Pausen, in denen wir im VIP-Bereich aßen, die Filme besprachen und eine kurze Tagesempfehlung für die Website schrieben. Während diesen Zeiten lernten wir auch die anderen Jurys kennen, in denen zum Teil Regisseure von Filmen wie „Krabat“, „Männerherzen“ oder „Muxmäuschenstill“ mitwirkten. Auch Dienstag und Mittwoch schauten wir uns je vier, am Freitag drei Filme an, die es zu bewerten galt. Schon bald waren uns die Abläufe im Kinosaal vertraut und unsere Handlungen routiniert, wie etwa, dass wir uns während der Filme Notizen auf dem Klemmbrett machten, die man wegen der Dunkelheit im Nachhinein kaum entziffern konnte. Doch die Filme waren so unterschiedliche, dass keine Langeweile aufkam.
Abends, wenn die letzte Vorstellung gegen halb eins aus war, fuhren wir auf Empfänge oder gingen in „Lola’s Bistro“, in welches die Garage umf unktioniert worde n war. Dort redeten wir mit Regisseuren und Schauspielern der Filme, die wir uns ansahen und mit den Mitgliedern der anderen Jurys. Diese Gespräche mit den Filmschaffenden machten uns die Entscheidung nicht gerade leichter, die wir am Samstag zu fällen hatten, da die meisten Leute uns sehr sympathisch waren und sie ihre Ansichten, Meinungen und Intentionen gut vertraten. Die Schauspieler beleuchteten die Filme dann noch einmal von einer ganz anderen Seite und erzählten von ihren Erfahrungen während des Drehs.
Freitag Abend begannen wir dann mit dem Überlegen, Abstimmen und Diskutieren der Filme.
Schließlich hatten wir nur noch drei übrig, doch da jeder Film je zwei Stimmen erhielt, ging die Arbeit wieder von vorne los. Die drei letzten Filme, die wir noch nicht aus unserer Liste gestrichen hatten, waren „Picco“, „Bis aufs Blut – Brüder auf Bewährung“ und „Die Entbehrlichen“. Alle drei stachen aus der Menge hervor und jeder waren auf seine Weise einen Preis wert. Bevor wir an dieser Entscheidung verzweifelten, fuhren wir in die Garage, um uns die letzten Mitternachtstalks des SR anzuhören und allerletzte Gespräche mit den Regisseuren unserer Favoriten zu führen.
Am Samstag Morgen fanden wir uns dann mehr oder weniger müde i n der Volkshochschule Saarbrücken ein, um die Begründung für unseren Siegerfilm zu schreiben, den wir noch nicht ausgewählt hatten.

mit Regisseur Oliver Kienle von "Bis aufs Blut"
Es war nicht leicht, doch schließlich konnten wir uns schließlich einigen und beschlossen, „Bis aufs Blut – Brüder auf Bewährung“ den Preis zu verleihen. Die Begründung war schnell geschrieben, denn ein origineller Filminhalt, eine technisch wunderbare Umsetzung und tolle Schauspieler überzeugten uns. Dann fuhren wir alle nach Hause, um uns für die Preisverleihung, die abends in der Congresshalle stattfinden sollte, schick zu machen.
Während der Verkündigung der Gewinner der anderen Preise, wurden wir immer froher mit unserer Auswahl, denn auch „Picco“ und „Die Entbeh rlichen“, die wir beinahe genommen hätten, erhielten ihre wohlverdienten Preise. Als wir dann unseren großen Auftritt hinter uns hatten, der aus der Verleihung des Preises und der Verlesung der Begründung bestand, und die Nervosität verschwunden war, konnte die Filmparty im Anschluss nur noch großartig werden. Wir nutzen unseren letzte Abend, um noch einmal mit allen Filmemachern zu reden, Fotos zu machen und uns bei der Fesitvalleitung zu bedanken, dass wir an diesem großartigen Festival teilnehmen durften. Auch wir wurden sehr für unseren „seriösen und souveränen A uftritt“ und unsere „professionelle Jurytätigkeit gelobt“.
Besonders schön an diesem Abend war unter anderem das Gespräch mit Jacob Matschenz, der Hauptdarsteller unseres Siegerfilms, der sich überschwänglich bei uns bedankte und dann noch eine halbe Stunde lang mit uns über das Festival und seine Filme redete. Spät am Abend, als wir sechs von der Schülerjury uns voneinander verabschiedeten, wurde ich ein bisschen traurig daüber, dass diese wunderbare Woche schon vorbei wa r.
Doch die Müdigkeit und das Glücksgefühl überwogen und ich freute mich schon jetzt auf meinen nächsten Kinobesuch.
Lisa Stroetmann
Hier noch ein paar Bilder:

Lolas Bistro

mit Fabian Hinrichs von "Schwerkraft"

Mit Andreas Arnstedt, dem Regisseur von "Die Entbehrlichen"



