Der Vorleser – Filmkritik
Geschrieben von tabalugarasa am März 31, 2009
Als ich mit diesem Blog angefangen habe, habe ich mir eigentlich vorgenommen hauptsächlich richtige Artikel zu veröffentlichen. Und heute fang ich auch mal damit an: Hier ist eine Filmkritik von mir zu dem kürzlich erschienen Film “Der Vorleser”. Wenn ihr überlegt, euch den Film anzusehen, ist sie vielleicht ganz hilfreich.
Als der 15 Jährige Michael 1938 eine Affäre mit der 17 Jahre älteren Hannah beginnt, ahnt er nicht, dass dieser Sommer ihn für den Rest seines Lebens prägen wird.
Hannah ist erfahren, stark und dominant, und lehrt Michael, mit Körper und Seele zu lieben.
Zu ihrem Liebesritual gehört, dass er ihr aus Romanen vorliest, bevor sie miteinander schlafen.
Michaels Frauenerfahrung macht ihn selbstbewusst, was auch von seinen gleichaltrigen Mitschülerinnen nicht unbemerkt bleibt, doch er weist sie immer wieder ab.
Von einem Tag auf den anderen ist Hannah plötzlich verschwunden. Micha macht sich große Vorwürfe und fühlt sich verantwortlich für ihr Verschwinden.
Erst im Gerichtssaal 10 Jahre später trifft er sie wieder. Sie ist eine angeklagte KZ-Wärterin und er Jurastudent, der ihren Prozess im Rahmen eines Seminars besucht.
Alte Gefühle kommen hoch und vermischen sich mit dem Abscheu von den Taten, die ihr das Gericht vorwirft. Als einer der Hauptbeweise ihres Prozesses existiert ein Bericht der SS, den Hannah angeblich geschrieben haben soll, was sie jedoch abstreitet. Erst als nach einer Schriftprobe zum Vergleich verlangt wird, gesteht sie, den Bericht verfasst zu haben. Da wird Michael plötzlich klar, was Hannah ihr ganzes Leben lang vor dem Rest der Welt geheim gehalten hatte: Sie ist Analphabetin.
Das diese Tatsache ihr Urteil vermindern könnte, ist Michael klar, doch er traut sich nicht, das Gericht davon in Kenntnis zu setzten. So wird Hannah letzten Endes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.
Wiederum über 10 Jahre später beginnt der Erwachsene Michael, Bücher auf Band zu sprechen und sie ihr ins Gefängnis zu schicken. Dort bringt sich Hannah selbst Lesen und Schreiben bei, doch Michael antwortet nicht auf ihre Briefe, sondern bespricht immer mehr Kassetten mit Romanen.
Eines Tages erhält er einen Anruf, mit der Nachricht, dass Hannah bald entlassen werden würde.
Da er ihr einziger Kontakt ist, wird er gebeten ihr zu helfen, sich in die Gesellschaft wieder einzugliedern. Er lässt sich dazu herab, seine Jugendliebe, die inzwischen eine alte Frau ist, im Gefängnis zu besuchen, kurz bevor sie in Freiheit kommen soll.
Doch einen Tag vor ihrer Entlassung , erhängt sie sich in ihrer Zelle.
In ihrem Testament bittet sie Michael, ihre restlichen Ersparnisse einer Frau zu geben, die eine Buch über ihre Zeit im KZ, indem Hannah Wärterin war, geschrieben hat. Michael besucht diese Frau in den USA und sie einigen sich darauf, das Geld an eine jüdische Einrichtung zur Alphabetisierung zu spenden.
Die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Bernhard Schlink wurde mit viel Spannung und Skepsis erwartet. Ein Buch zu verfilmen, in dem die Gefühle und Gedanken des Ich-Erzählers im Vordergrund stehen, stellt eindeutig einige Schwierigkeiten dar.
Der Film ist so aufgebaut, als würde sich der Erwachsene Michael (Ralph Fieness) an seine Jugend erinnern. So sieht man abwechselnd sequenzartige Szenen aus seinem jetzigen Leben und seiner Vergangenheit. Diese Übergänge sind manchmal sehr schroff und machen große Zeitsprünge, was für den Zuschauer oft zu schnell geht und verwirrend ist.
Die großen Erwartungen, die Liebhaber des Buches an den Film gestellt haben, werden kaum erfüllt. Schlüsselszenen des Buches, in denen beispielsweise Hannahs Analphabetismus deutlich wird, fehlen gänzlich. So sind auch manche Zusammenhänge für Laien, die nicht mit dem Buch vertraut sind, vollkommen unverständlich.
Kate Winslet, die zwar gute schauspielerische Leistungen bringt, wirkt nicht wie die dominante und herrische Hannah, wie sie im Buch beschrieben wird. Die Hannah im Film ist zu freundlich, zu nett und zu naiv. Ihre Suizidszene ist nicht dramatisch sondern nüchtern und merkwürdig, da man den Strick nicht sieht und man meinen könnte, sie wolle nur vom Tisch springen.
Der junge Michael, gespielt von David Kross, wirkt in meinen Augen hingegen sehr authentisch.
Ein massiver Störfaktor des Filmes ist jedoch die Tatsache, dass alle im Film vorkommenden Bücher auf Englisch geschrieben sind, obwohl der Film doch in Deutschland spielt.
Die Schuldfrage, ob und wer an den Vergehen, an denen Hannah beteiligt war, nun die Schuld trägt, wird im Film kaum mehr erläutert. Desweiteren wird nicht deutlich gemacht, dass Michael nach so langer Zeit immer noch etwas für Hannah empfindet und seit ihrer Affäre ein gestörter Verhältnis zu Frauen hat.
Im Großen und Ganzen ist der Film trotz einiger Enttäuschungen zumindest den Leuten zu empfehlen, die das Buch von Bernhard Schlink gelesen haben.
Dominik sagte
So..jetzt komme ich auch endlich mal dazu, deine Kritik auseinanderzunehmen. Da ich ja das Buch nicht gelesen habe, kann ich nur den Film betrachten.
Ach herrje, dann muss man sich wohl ein bisschen ranhalten.
Also entweder bin ich kein Laie, obwohl ich das Buch nicht gelesen habe oder ich bin einfach ein Naturtalent, denn ich hab alles verstanden.^^
Naja, ich glaube, da scheiden sich die Geister. Wie gesagt kann ich es nicht mit dem Buch vergleichen, aber Kate Winslet hat meines Erachtens David Kross an die Wand gespielt, wie es so schön heißt. Der hat den naiven Jüngling gerade noch so hinbekommen, aber wahrscheinlich auch nur, weil er das nicht wirklich spielen musste.
Natürlich, weil sie ja im Gefängnis nichts besseres zu tun hat als Bücher auf den Tisch zu stapeln und dann runterzuspringen. Und wenn man sich den Strick nicht dazudenken kann, muss man schon sehr fantasielos sein. Und dass man ihr Gesicht nicht sieht, vestehe ich als ein Symbol für ihre Scham.
…, aber eine amerikanische Produktion ist. Man könnte natürlich auch verlangen, dass alle Amerikaner, die sich den Film anschauen wollen, vorher Deutsch lernen.
Ich erinnere an die Szene, in der er nachts das Mädchen verlässt, mit dem er geschlafen hat, und sagt, er müsse alleine schlafen. Wenn das normal ist, weiß ich nicht, was für eine Vorstellung du von Beziehungen hast.^^
So, das wär es dann für’s Erste. Ansonsten habe ich nix zu meckern. Ich freue mich schon auf die nächste Kritik.
P.S.: Ich hoffe, dass mit den Zitaten hat geklappt. Das ist mein erster Kommentar.^^
tabalugarasa sagte
Danke für deine Meinung, Dominik! Also nachdem du meine Kritik kritisiert hast, muss ich dann jetzt deine kritisieren und wird das dann zu einem nicht mehr zu durchbrechenden Teufelskreis?!
Also das mit dem zitieren hast du ja immerhin schon gut hinbekommen 
Sorry, aber ich glaub, so sehr du dich auch freuen würdest, ich lass das mit dem rezensieren deine Kritik, ok?
=)
Dominik sagte
Darauf würde es wohl hinauslaufen, deshalb sei es dir vergeben